BRIGITTE

"Würde ich einen Seitensprung tolerieren? Nein. 

Weiß ich, dass es passieren kann? Ja."

Ein Gespräch über die Liebe mit Schauspielerin Natalia Wörner

 

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BRIGITTE: Sie sind im sechsten Monat schwanger und spielen gerade fürs ZDF eine schwangere Kommissarin, die nach einem entführten Kind fahndet. Warum muten Sie sich das zu?

Natalia Wörner: Ich wollte jetzt keine leichte Komödie spielen, so nach dem Motto: Juchu, schwanger, und die Welt ist bunt! Das bin ich nicht. Und es hat auch etwas mit meinen Erfahrungen im letzten Jahr zu tun.

Als Sie vor einem Jahr mit Ihrem Lebensgefährten Robert Seeliger Urlaub in Thailand machten, mussten Sie in Khao Lak vor der Tsunami-Welle fliehen. Begleiten Sie diese Bilder heute noch?

Sie sind eingeprägt auf meiner Netzhaut, sie sind bei mir eingezogen und haben da ihren Platz und ihre Bedeutung. Der Tag hat mich verändert. 

Sie haben die Menschen gesehen, die unmittelbar vor Ihnen aus der Welle kamen?

Ja, die waren fast alle nackt und bluteten – und in ihren Gesichtern stand noch die schreckliche Erkenntnis: In den Tod nimmst du nichts mit. Mir ist plötzlich klar geworden: Ich wäre dem Tod total unvorbereitet begegnet. Und das hat mich erschüttert. Ich habe danach angefangen, meinem Leben andere Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Was mache ich für das Gemeinwohl? Dass ich diese Fragen jetzt stelle, empfinde ich auch als Bereicherung, das macht einen bescheiden.

Fällt es Ihnen heute noch sehr schwer, darüber zu sprechen, was die Erlebnisse in Thailand mit Ihnen gemacht haben?

Ich bin hin- und hergerissen, ob ich überhaupt darüber reden soll, wie ich damit zurechtkomme. Denn in Relation zu denen, die noch heute an ihren Verletzungen leiden, ist das so unbedeutend. Wissen Sie, es ist komisch, die Leute fragen mich immer, ob ich glaube, dass es Schicksal oder Glück war, dass ich überlebt habe. Doch diese Begriffe kann ich dafür überhaupt nicht mehr benutzen. Warum bin ich unverletzt aus dieser Hölle herausgekommen? Es war einfach so. Da hat man fast ein schlechtes Gewissen.

Sie fühlen sich schuldig?

Ja, ein schweres Wort, aber so ging es mir. Ich habe den Tod von Menschen erlebt, die einen Herzinfarkt bekamen,weil sie gerade erfahren hatten, dass ihre Kinder tot sind. So einen Moment kann man nicht verarbeiten. 

War dieser Tag eine Prüfung für Ihre damals noch ganz junge Liebe?

Klar, man muss sich vorstellen, wir hatten uns im August bei Dreharbeiten in Kanada kennen gelernt und waren das erste Mal ohne Filmleute um uns herum. Wir hatten drei Wochen lang einen paradiesischen Urlaub, und dann ist dieses Paradies in wenigen Minuten vor unseren Augen zerfallen. Ich habe mich noch nie im Leben so nackt vor einem Menschen gefühlt. Es war eine Situation, in der wir beide jede Distanz verloren haben, alle Schutzmauern brechen ein. Was dann blieb, ist die pure Essenz der Person, die man ist. 

Waren Sie in der Lage zu helfen? 

Ich habe Menschen gesehen, die unverletzt waren und in eine totale Apathie gefallen sind. Meine Angst hat mich nicht gelähmt. Wir waren beide unverletzt und konnten sofort helfen. Das war wie ein Reflex. Robert hat dabei die ganze Zeit die Ruhe bewahrt. Er hatte eine besondere Art, sich um die Leute zu kümmern, die seine Hilfe brauchten, ganz ohne Berührungsängste. Das hat mich sehr beeindruckt.

Und Sie in Ihrer Liebe bestärkt?

Dieser Tag war mit all seinem Leid ein tiefer, stummer Blick in die Seele des anderen. Er hat unsere Liebe geprägt. 

Verliebte haben ja oft etwas von Kindern, von ihrer Unbeschwertheit – hat dieses Erlebnis Sie schneller erwachsen werden lassen in Ihrer Liebe?

Na ja, wahrscheinlich ist das eine passende Beschreibung. Aber wir wurden in unserem Erwachsensein auch geprüft. Das, was schon gewachsen war in unserer Liebe – Verlässlichkeit und der Glaube an eine gemeinsame Zukunft –, musste sich bewähren. Ich kenne zwei Paare, die sich getrennt haben, nachdem sie den Tsunami erlebt haben. Das eine war eine 20-jährige Ehe.

Wie sind Sie später in Deutschland als Paar damit umgegangen?

Wenn man mit einem Menschen, den man liebt, so etwas Traumatisches erlebt, dann gibt es als Paar die Aufgabe einer gemeinsamen Trauerarbeit. Das ist unheimlich schwer. Und läuft nicht immer synchron. Ich war, als wir zurückkamen, gleich verplant. Im Rückblick hätte ich lieber weniger gearbeitet und uns als Paar mehr Raum gegeben. Heute würde ich mir professionelle Hilfe suchen, einen Dritten, der einen dabei leiten kann, mit dem Trauma umzugehen. Ich glaube, wir haben es allein geschafft, aber es war auch ein Weg, der uns ein Stück Unschuld genommen hat. Wir kennen uns jetzt über ein Jahr, und das sind gefühlte fünf Jahre mindestens.

Wenn Sie sich noch viel weiter zurückerinnern: Inwieweit hat Ihre Kindheit Ihre Vorstellungen von der Liebe geprägt?

Ich bin ein Scheidungskind. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem vier Generationen von Frauen gelebt haben, mein Vater kam nur zu Besuch. Da habe ich zwar viel Liebe erfahren, aber ich kann nicht leugnen, dass es mich als Kind sehr geprägt hat zu wissen: Eine bestimmte Form des Geschütztseins, wie man sie erfährt, wenn die Eltern zusammenleben, ist nicht einfach gegeben, dieser Zustand ist sehr fragil. 

Sie haben mal gesagt: „Meine erste Beobachtung der Liebe war ihre Zerstörung.“ Hatten Sie dennoch als Mädchen den Traum, später mal eine eigene, „heile“ Familie zu haben?

Als ich Mitte dreißig und gerade ohne feste Beziehung war, gab es durchaus Momente, in denen ich dachte: Komisch, dann wird das alles anders laufen, dann bekomme ich eben keine Kinder. Jedenfalls war mein Kinderwunsch nie so stark, dass ich einen Kompromiss eingegangen wäre.

In der „Zeit“ haben Sie einmal Ihren Traum von einer Liebesschule beschrieben. Meinen Sie wirklich, dass man so etwas Irrationales wie die Liebe lernen kann?

Ich habe mir eine Schule vorgestellt, in der junge Menschen sich ihren Ängsten und Hoffnungen in der Liebe stellen könnten. Man ist als Teenager so abhängig vom Urteil anderer und fühlt sich dabei so allein gelassen. Ich frage mich jetzt schon, wie ich meinem Kind eines Tages den Mut geben kann, den eigenen Weg zu gehen, sich so zu akzeptieren, wie man ist.

Konnten Sie das als Teenager nicht?

Überhaupt nicht. Das kam erst mit Ende zwanzig. Vorher war ich immer unzufrieden mit mir. Aber das war noch mal eine andere Zeit. Diese Normvorstellungen von Perfektion und Sexualität, wie sie heute existieren, gab es damals noch nicht.

Hatten Sie damals eine sehr große Erwartung an die Liebe?

Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, was ich mit 18 über die Liebe gedacht habe, aber das fällt mir heute schwer. Vielleicht hatte ich keine großen Erwartungen, weil ich die Männer nie idealisiert habe. Ich war eher so ein bisschen auf Krawall.

Heißt das, Sie sind kein Harmonie-Typ?

Robert sagt oft: Du testest mich. Und ich denke, das stimmt auch. Ich provoziere, um an jemanden näher ranzukommen. Wenn Entscheidungen anstehen, bin ich diejenige, die eine klare Haltung herausfordert. Und allein das ist für manche Männer schon eine Bedrohung.

Wie viele große Lieben hatten Sie schon in Ihrem Leben?

Ich hatte drei wesentliche Beziehungen vor Robert, die längste war mit dem Schauspieler Herbert Knaup. Und ja, die hat nicht zum großen Wurf gereicht, aber diese Beziehung hat mich bereichert und geprägt, und ich möchte keinen Tag davon missen. Natürlich gab es auch Enttäuschungen, aber das hat mich nicht davon abgehalten, mich wieder jemandem gegenüber zu öffnen. Ich habe mich in meiner Liebesfähigkeit nie beschädigen lassen.

Woran liegt das? 

Ich hatte schon immer einen guten Männergeschmack. (lacht)

Warum fällt es Frauen oft so schwer, den richtigen Mann zu finden?

Es gibt einfach so viele tolle Frauen. Und ich kann verstehen, dass sie sagen: Wo sind die Männer für uns? Sehr viele Männer, die jetzt um die 40 sind und von ihren feministischen Müttern geprägt wurden, haben ein Rollenproblem. Sie wollen Frauen alles recht machen und verlieren sich selbst dabei. Aber Frauen müssen auf die Männer auch mal zugehen, was fordern. Ich bin erstaunt über die Passivität, die Paare an den Tag legen, wenn es um die Liebe geht. Als wäre sie ein Paket, das man nur auspacken muss, ja, nehmen wir – oder nicht, danke schön.

Ist Ihr Lebensgefährte Robert Seeliger, der ja aus Kanada kommt, anders als deutsche Männer?

Ganz sicher. Er ist mit seinem Vater und seinem Bruder auf einer Farm aufgewachsen, ziemlich isoliert. Nur unter Männern, so wie ich nur unter Frauen. Der ist so was von autark. Er hat schon als Kind den Haushalt mitgeführt und selbst gekocht. Er hat früh gelernt, für andere da zu sein.

Können Sie sich vorstellen, dass eine Liebe, vielleicht sogar Ihre Liebe, ewig ist?

Nein (lacht). Dabei hoffe ich natürlich, dass unsere Ewigkeit möglichst lange dauert. Aber ich glaube, dass Lieben Ablaufzeiten haben. Und es liegt an beiden Menschen, was sie daraus machen. Ich glaube, Liebe ist heilig. Weil sie alles enthält, alle Werte, um die es geht. Vertrauen, Mitgefühl, Beständigkeit,
Humor, Sexualität . . .

Der profane Alltag kann der Liebe nicht wirklich etwas anhaben?

Ich meine das nicht im religiösen Sinne. Dass Liebe heilig ist, heißt für mich nicht, dass sie nicht anfassbar ist. Sie muss natürlich in der Realität verwurzelt sein. Aber Liebe ist das schützenswerteste Gut. Das ist meine einzige Moral: dass eine Liebe wachstumsfähig und belastbar bleibt. Man muss die Liebe nähren, das ist eine Kunst, und das kann nur gelingen, wenn sich beide Partner dabei Mühe geben. 

Würden Sie einen Seitensprung tolerieren?

Würde ich es tolerieren? Nein. Weiß ich, dass es passieren kann? Ja. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich dachte, wenn mich jemand betrügt, ist das das Ende der Welt. Jetzt, mit einem gemeinsamen Kind, ist das anders, da wird sich wohl vieles neu definieren.

Jeder macht Fehler, aber gehört zur Liebe auch, die seelischen Abgründe des anderen zu akzeptieren?

Absolut, ja. Es gibt diesen Satz: Man ist so krank wie seine Geheimnisse. Wenn man es schafft, auch die dunklen Seiten zu teilen, das, was man sich selber nicht so gern anguckt, dann hat man eine echte Chance. Man muss mit den Dämonen leben – da sind wir schon in der Feinkunst der Liebe.

Man kann die Dämonen nicht in den Keller sperren?

Wenn Sie das versuchen, haben Sie ein echtes Problem, dann baut man sich wirklich eine Fallgrube. Aber man muss auch einen Partner haben, der sich seine eigenen Dämonen mal zum Kaffee einlädt und sie dann dem anderen vorstellt. 


Erschienen in BRIGITTE 01 / 2006 - Alle Rechte vorbehalten