FAZ

Tagebuch

Erst das Hasch, dann die Arbeit
Allein unter Opfern: ,,Bella Block. Blinde Liebe" (ZDF)

Hans-Dieter Seidel, FAZ

Das offene Lachen des Mädchens Biggi, wie Julia Schmidt es darstellt, und die vollkommene Arglosigkeit in den Augen sind bezaubernd. Das Kind bewegt sich staksig und ungelenk, doch sein Charme vermag die längste Zeit zu überspielen, dass Biggi geistig ein wenig zurückgeblieben ist. Die Rolle des Opfers freilich passt dem Mädchen wie angegossen. Und weil die Spielarten sexueller Lust keine Grenzen kennen, finden sich genügend Männer, die den von Biggis älterer Schwester Christa geförderten Umstand schamlos ausnutzen, dass das pubertierende Mädchen, eingezwängt in putzige Kleinkinderkleidchen, sich prostituiert.

,,Blinde Liebe" heißt dieser Fernsehfilm aus der Reihe ,,Bella Block", der eine ziemlich verschlungene Kriminalgeschichte ausbreitet, aber stets zugleich ein erschütterndes Drama ist von menschlicher Abhängigkeit und Unterwerfung. Christa, die als Krankenschwester arbeitet und sich seit dem Unfalltod der Eltern rührend besorgt zeigt um Biggi, hat unter dem Einfluss eines Mannes, dem sie hörig ist, jedes Unrechtsbewusstsein verdrängt, wie widerwärtig es ist, was sie ihrer sanft debilen Schwester scheinbar nebenbei antut. Und der Zuhälter, der sich das Schwesternpaar hält, um seinen Verdienst als Taxifahrer aufzubessern, ist zwar nicht dagegen gefeit, dass der Jähzorn ihn unberechenbar und gemeingefährlich macht, hat aber in seiner ganzen Verschlagenheit auch so zärtliche Töne auf Lager, als käme ihm die Vaterrolle durchaus zupass. Die Idylle im ererbten Einfamilienhaus mit Vorgarten, an der Christa unentwegt werkelt, tut sich als so verheerender Selbstbetrug auf, dass die Illusion einer bürgerlichen Existenz auch ohne Zutun der Polizei zerfetzt würde.

Zum achten Mal tritt die Kommissarin Bella Block, die in Hannelore Hogers unnachahmlich trockener Präsenz so gar nichts hat von rächender Selbstgerechtigkeit, auf den Plan, zum ersten Mal in Szene gesetzt von einer Regisseurin, Sherry Hormann. Und nur in der früheren Folge ,,Liebestod" dürfte der Beamtin, die sich gegen alles Menschliche gewappnet glaubt, ein Fall so schwer angekommen sein wie dieser. Es beginnt mit einer Wasserleiche, die in einem Seitenkanal der Alster angeschwemmt wird und schon so verwest ist, dass die Tote kaum mehr identifiziert werden kann. Das einzige Erkennungszeichen könnte ein Feuermal am Hals sein. Gleich in den ersten Szenen mit dem sachlich ungerührten Pathologen und einer Kommissarin, die sich der Toten auf dem Seziertisch nur mit einem vor Mund und Nase gepressten Tuch nahern kann, gibt die Regisseurin zu verstehen, dass sie zugunsten der Wahrhaftigkeit ihrer Geschichte nichts beschönigen wird, dass ihr Blick auf das krude Geschehen aber niemals den Schock um des Schocks willen sucht.

Mindestens so sorgsam, wie es in der Frage Mord oder Selbstmord Schicht um Schicht des Falls freilegt, gibt das Drehbuch Isolde Sammers, das von Michael Albers, der Regisseurin und von der Darstellerin Christas, Natalia Wörner, bearbeitet wurde, den Eigenwilligkeiten im Privatleben Bella Blocks Raum, die ja nicht ohne Kanten und mit einer bemerkenswerten Portion Sturheit gesegnet ist, im Bett ein Buch über ,,Weibliche Perversionen" liest und ihr Spiegelbild morgens nach durchlumpter Nacht kaum ertragen kann.

Schon dass sie schlechte Laune und keinen Grund dafür hat, ärgert sie; ausbaden aber darf es ihr Lebensgefährte (Rudolf Kowalski). Wie Bella Block, gemeinsam mit diesem Simon im Restaurant, sich harsch verbittet, dass er von seiner Arbeit zu erzahlen beginnt, im nächsten Augenblick aber die Erkenntnisse des Pathologen in Sachen Wasserleiche auf den Tisch packt und sich ohne Grausen den Fischteller schnappt, den Simon nun angewidert von sich schiebt - das ist vielleicht die schlagendste der vielen an Beobachtungssorgfalt und Lebenswahrheit so reichen Szenen dieses weit über den Krimi hinausweisenden Fernsehfilms.

Übertroffen wird sie nur noch von einem Kinobesuch des Paars, als Bella Block versehentlich an ein mit Haschisch versetztes Keksstück geraten ist, das eigentlich Biggis Freier hatte in Euphorie versetzen sollen und nun die Kommissarin in einen Zustand höchster Albernheit und zugleich trefflichster Hellsicht katapultiert. Hannelore Hoger findet zu Tonen, die auch das Abgründige der Bella Block ahnen lassen, wie überhaupt diese Folge der ohnehin viel gepriesenen Krimireihe von schauspielerischer Extraklasse ist: mit Natalia Wörner in der Rolle einer jungen Frau, die verzweifelt ihrer Gewöhnlichkeit zu entkommen sucht, aber von ihr immer wieder überwältigt wird; mit Martin Wuttke als personifizierter Bedrohung, die aus einem Lächeln erwächst; mit Catrin Striebeck als treibender und schließlich getriebener Kraft einer lesbischen Liebesbeziehung, die in nicht mehr zu kontrollierende Sexspiele entglitt. Wie der Fund der Wasserleiche zu einem zurückliegenden Vergewaltigungsprozess mit milder Strafe für den Täter führt und wie sich daraus die Spur entwickelt zur Prostitution Biggis und im übertragenen Sinn auch Christas, das ist ebenso unvorhersehbar, also spannend, wie schlüssig entwickelt.

Und wenn auch am Ende ein Schuldiger überführt wird, so ist mindestens so offenbar, dass in diesem außerordentlichen Fall niemand davonkommen kann ohne Schuld.