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Bring mir ein neues Leben

Am Lotterbett ist die Welt nur scheinbar heil: 
Das ZDF verteilt "Verbotene Küsse"

Hans - Heinrich Obuch, FAZ 11/2001

 

Das Rotlichtmilieu muss sich nicht unbedingt so schmuddelig und halbseiden wie in der Großstadt präsentieren, in der ländlichen Provinz kann es durchaus anheimelnde Bilder bieten: Da schiebt der freundliche Lebensmittelhändler schon mal der Liebesdienerin zur Weihnachtszeit aus Dankbarkeit für ihren erfolgreichen erotischen Service Geflügel für lau über die Ladentheke, da amüsieren sich die Freudenmädchen ganz entspannt über die misstrauischen Hausfrauen, deren Männer ihr Geld gelegentlich in den Puff tragen, und zwischen den Damen vom ältesten Gewerbe scheint kein Neid die Freundschaft zu trüben, keine Rivalität das Geschäft zu stören. Bordellidylle zwischen Weiden, Landstraßen und Bauernhäusern: ein Hauch von heiler Welt am Lotterbett.

Aber Johannes Fabrick (Buch und Regie) will dem Zuschauer keine harmonische Welt mit glücklichen Gunstgewerblerinnen und gesunder Landluft vorgaukeln. Der Schein nämlich trügt: Wahrend die Prostituierte Martina Winger Besorgungen im nächsten Dorf erledigt, wird ihre Freundin Tami ("bring mir Zigaretten mit und ein neues Leben") brutal ermordet. Zeitsprung, vier Jahre später:
Martina hat das Freudenhaus langst verlassen, arbeitet jetzt als Polizistin bei der Hamburger Sitte. Peter Rieser, Kommissar bei der Kripo und einst Stammkunde bei ihr, hat sie mit gefälschten Papieren bei der Polizei eingeschmuggelt.

Der ZDF-Film "Verbotene Küsse" ist die Geschichte einer Flucht - einer Flucht vor sich selbst. Martina will ihre Vergangenheit in der Branche der käuflichen Liebe vergessen, verdrangen, wird durch ihren neuen Beruf aber immer wieder mit ihrem früheren Leben konfrontiert. Bei einem Einsatz gegen einen Frauenhändlerring und ihren Recherchen bei der Hamburger Ausländerbehörde begegnet sie dem leitenden Beamten Robert Garwitz. In ihm erkennt Martina den Mann, der vor vier Jahren der letzte Kunde von Tami war. Ist er auch der Mörder ihrer Freundin?

Vadim Glowna spielt diesen Garwitz -einen verklemmten Saubermann, der seine sexuellen Obsessionen nicht zu unterdrücken weiß, der unter seiner Begierde leidet, kaum noch die Kraft besitzt, um zu funktionieren. Vielleicht läuft er der Idee einer reinen Liebe hinterher, verstrickt sich dabei aber in seinen niederen Instinkten; nach außen gibt er den stabilen Funktionär, ist sich selbst jedoch schon entglitten, kann nur noch äußerst notdürftig die Fassade der Anständigkeit aufrechterhalten und hat sich eigentlich längst aufgegeben. Natalia Wörner als Martina wiederum spielt eine Frau, die immer noch die Identität der Hure spürt, die sich ihren Erinnerungen nicht entziehen kann, die sich selbst quält, sich von ihrer alten Identität befreien möchte, aber nicht kann.

Glowna spielt die Rolle mit bedrohlich-dumpfem Gesicht, die Depressionen wie versteinert in den müden Augen. Ein schwerfälliger Mann, dessen Verzweiflung keinen Platz findet im paralysierten Körper. Natalia Wörner wechselt zwischen der beherrschten Polizistin, der sanft-einfühlsamen Frau und der mal emanzipierten, mal verängstigten Ex-Hure: bei aller Strenge plötzlich mit verstörtem Blick, bei aller Vitalitat auf einmal mit pessimistischem, ja verbittertem Mund. Glowna und Wörner - zwei faszinierende Charakterschauspieler in einer unaufdringlichen, aber eindringlichen Psychostudie.
Große Gefühle, edle wie verwerfliche, erleben wir in diesem bei aller Spannung unprätentiösen Fernsehfilm. Hier handeln Menschen, keine Ungeheuer oder Sexmonster, die uns ansonsten viel zu häufig in Erotikthrillern vorgeführt werden. Und zum Schluss lässt sich Martina Winger auch richtig auf den Mund küssen; in ihrem Leben als Prostituierte wären das noch "verbotene Küsse" gewesen. Da verkaufte sie den Freiern ihren Körper, aber nicht ihr Gesicht, nicht ihren Mund.