Hamburg Abendblatt

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"Ich will das große Ei knacken"

DER BEWEIS - Mit ihrer Kochkunst besticht Natalia Wörner Regisseure und mit ihrer Schauspielkunst die Zuschauer.

Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt 03.11.2001

Der Film ist zu ihr gekommen - und sie nicht ans Theater. Natalia Wörner, 34, hat die Sache selbst in die Hand genommen und dem Kammerspiele-Intendanten Ulrich Waller "The Blue Room" vorgeschlagen. Seit dem Erfolgsdebüt auf der Bühne mit ihrem früheren Lebenspartner Herbert Knaup kann sich die schöne, verblüffend wandlungsfähige, gar nicht eitle und schon zu früher Morgenstunde schlagfertige Schauspielerin mit einem wenig bekannten Hang zum schrägen Humor auch vor Theater-Angeboten nicht mehr retten. Am heutigen Sonnabend hat sie mit "Proof - Der Beweis" wiederum an den Kammerspielen Premiere.

ABENDBLATT: Sie leben jetzt in Berlin, arbeiten mit Sherry Hormann an einem Filmprojekt in Boston, spielen aber doch wieder an den kleinen Hamburger Kammerspielen.

NATALIA WÖRNER: Das Theater ist meine künstlerische Heimat geworden. Ich habe "Proof" am Broadway gesehen und sofort Uli Waller davon erzählt. Bei solchen Gelegenheiten koche ich gut, mache ihn betrunken und lege dann das Buch auf den Tisch (lacht).

ABENDBLATT: Was hat Ihnen an der Cathy so gut gefallen?

WÖRNER: Das fragen Sie mich einen Tag vor der Premiere? Die Figur hat was Anarchisches. Eine Kraft und zugleich eine Schwäche, die ebenso spannend ist wie ihr Entschluss zu kämpfen. Jenseits aller Konvention lebt sie in einer seltsamen Symbiose mit dem Vater, ist hochintelligent und doch lebensunfähig. Diese Kombination fand ich spannend. Sie ist klug, aber schlampig.

ABENDBLATT: Haben Sie keine Angst vor Hässlichkeit?

WÖRNER: Weder vor äußerer noch vor innerer.

ABENDBLATT: Guckt man sich Ihre Fotos an . . .

WÖRNER: Alles, was an Äußerlichkeiten an mich herangetragen wird, lehne ich grundsätzlich ab. Natürlich hatte ich am Anfang meiner Karriere damit zu kämpfen.

ABENDBLATT: Jetzt nicht mehr?

WÖRNER: Mir ist scheißegal, was ich anhabe oder wie ich aussehe. Attraktivität ist ein Geschenk der Natur. Ich achte nicht darauf, in einer Rolle gut zur Geltung zu kommen. Nicht das Äußere einer Figur ist wichtig - sondern ihr Innenleben, das findet seinen eigenen Ausdruck.

ABENDBLATT: Wie ernst nehmen Sie bei all den Filmerfolgen das Theater?

WÖRNER: Ich will weitermachen. Noch das große Ei knacken und einen Klassiker spielen. Aber fest in ein Ensemble würde ich, glaube ich, nicht gehen. Ich habe grundsätzlich ein Problem mit der natternhaften Kantinenmentalität mancher Theaterschauspieler. Das ist nicht meine Welt. Außerdem ist das unsexy, ohne Sinn für Humor und Intelligenz.

ABENDBLATT: Am Theater wird nicht nur getratscht, sondern auch viel diskutiert.

WÖRNER: Dagegen habe ich nichts. Ich diskutiere auch über Drehbücher. Aber nicht auf dem Set oder auf der Probe. Das ist Kräfteverschwendung. Die diskussionswütigen Idioten können das überall machen, nur da nicht. Ich möchte auch nicht, dass Leute in ihrer persönlichen Verschrobenheit ihre Probleme in die Arbeit hineintragen. Ich mache das auch nicht.

ABENDBLATT: Was haben Sie vom Film fürs Theater gelernt?

WÖRNER: Beim Film muss man ungeheuer ökonomisch mit Kraft, Zeit und Geld umgehen. Ich weiß, was es kostet, wenn ich einen Drehtag versemmle. Präzision, Präsenz und Disziplin vor der Kamera konnte ich gut auf die Bühne übertragen. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Vom Filmen profitiere ich für die Bühne und umgekehrt.

ABENDBLATT: Im TV-Film "Verbotene Küsse" (Sendetermin: 12. 11.) spielen Sie jetzt wieder eine Hure.

WÖRNER: Bei den Dreharbeiten waren gleich am ersten Tag die Puffszenen angesagt. Irgendwie lief es nicht. Da habe ich einen Strip hingelegt, dass Vadim Glowna den Text vergessen hat. Vor "Blue Room" hätte ich das nie getan.

ABENDBLATT: Über Silvester spielen Sie ja wieder das Stück mit Ihrem Ex-Mann Herbert Knaup. Die Kunst hat sie zusammengebracht und wieder entzweit?

WÖRNER: Es klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber so: Es hat Momente gegeben, wo wir uns - gegen den Beruf - mehr für uns privat hätten entscheiden müssen. Das sieht man erst im Rückspiegel. In der Zeit haben wir uns beide etabliert, bei guten Angeboten immer gegenseitig ermuntert und unterstützt. Darum verstehen wir uns heute noch gut. Er kommt auch zur Premiere.