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NATALIA

Sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Eine, die sich in kein Schema pressen lässt. Mal spielt Natalia Wörner, 33, das liebe Mädchen, mal den männermordenden Vamp. Wie im richtigen Leben. Kein Wunder also, dass die Schauspielerin in GQ ihre wilde (Fotos) und ihre feinfühlige (Interview) Seite zeigt

Fotos: Ellen von Unwerth,

Text: Patrick Ziob, GQ 05/2001

Manche Menschen haben etwas Magisches. Eine Schauspielerin geht in ein Fotostudio, tritt vor die Kamera, und das Ergebnis sind Bilder von unerhörter Kraft und Sinnlichkeit. Wenig später trifft sie einen Journalisten, und das geplante Interview wird ein intimer Austausch von Gedanken und Gefühlen. Was Natalia Wörner auch macht, es bleibt nie an der Oberfläche, aber sie ist es, die Tempo und Tiefgang bestimmt. Das machen die Begegnungen mit ihr besonders- und magisch.
Eine noble Lounge in Berlin. Lässig lehnt die 33-jährige Natalia Wörner ("Irren ist männlich") im schweren Ledersessel, beißt ab und zu in ein Club-Sandwich, trinkt Wasser. Sie ist die Nacht davor erst um drei Uhr nach Hause gekommen, aber das sieht man ihr nicht an. Im Gegenteil, sie sieht blendend aus, noch besser als in ihren Filmen. Ihr Blick ist gerade, manchmal provozierend, so, als wolle sie ihren Gesprächspartner erst einschätzen und dann fesseln. Sie ist nicht launisch, wie manche Kollegen behaupten, sie ist einfach nur selbstbewusst. Sätze wie "Ich erschrecke nicht, wenn ich morgens in den Spiegel gucke", oder "Älterwerden ist in jeder Beziehung entspannend, auch beim Sex", sagt sie mit einer entwaffnenden Natürlichkeit. Ihr Selbstbewusstsein ist ihre Erotik; für Männer ist sie eine Herausforderung, keine bloße Eroberung.

Fragen nach ihrem Privatleben mag die Tochter einer Stuttgarter Lehrerin nicht, das spürt man, aber sie ist Profi genug, die öffentliche Neugier begrenzt zu stillen. Ja, von ihrem langjährigen Lebenspartner Herbert Knaup, 45, Schauspieler wie sie, habe sie sich getrennt. "Ich möchte von diesen acht Jahren nicht ein einziges missen. Allerdings glaube ich nicht, dass die Liebe für die Ewigkeit geschaffen ist", sagt sie und fährt nachdenklich fort: "Was ist denn das Räderwerk der Liebe? Man verliebt sich, man liebt sich, man betrügt sich, man liebt sich wieder, die ersten Risse entstehen, man liebt, um zu lieben, man trennt sich. Ich bin aber auch nicht für einen One-night-Stand geschaffen."

Eine Frau auf der Suche nach etwas Glück? Natalia Wörner: "Glück definiert sich für mich nicht in bürgerlichen Formen. Glück ist der Augenblick, der sich singulär entfaltet und dessen Kraft und Einzigartigkeit für sich steht." Und dann erzählt sie von einem ihrer Lieblingsfilme, von American Beauty. Sie spricht über die Szene, als der Junge seiner Freundin einen selbstgedrehten Videofilm zeigt. Minutenlang hat er eine Plastiktüte gefilmt, die vom Wind hin und her geworfen wird. Der Junge sagt dann zu dem Mädchen, das sei Glück. "Besser kann man es nicht beschreiben", sagt sie, "alles ist in dieser Szene vereint. Kraft und Leichtigkeit, Realität und Traum - und eben Glück und Unglück. Und jeder Mensch empfindet es anders. Das erkennen zu können ist wiederum auch Glück."

Natalia Wörner will keinen Smalltalk, sie hasst Plattitüden. Sie will die Herausforderung, den Austausch der Standpunkte. Damit kann ein Mann sie beeindrucken. Oder doch nicht? "Intellektualität macht ohne Frage einen Mann sexy, aber auch Humor und Selbstironie. Wirklich erotisch sind für mich Männer, die einfach präsent sind, wenn sie einen Raum betreten. Und Männer mit einem guten Körpergefühl." Und dann sinnt sie darüber nach, warum 20-Jährige so viel selbstbewusster sind als 30- oder 40-Jährige. "Männer, die in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen sind, haben mit den Folgen der Frauenbewegung zu kämpfen. Ihre Mütter emanzipierten sich von den Vätern und brachten ihren Jungen ein neues Männerbild bei. Das des Frauenverstehers, der in Hausarbeit und Kindererziehung genauso aufgehen soll wie die Frau selbst. Zeitgleich entwickelten sich die Mädchen der Generation in eine andere Richtung. Sie machten Karriere, wurden selbstbewusst - und wollen natürlich keine weichen Männer. Die Männer, die heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, haben es sehr schwer, ihre neue Rolle zu finden. Zwischen ihrer eigenen Erziehung und den Erwartungen der Frauen an sie einen eigenen Weg zu finden. Jedenfalls ist das meine Erfahrung."

Natalia Wörner ist zufrieden mit sich selbst, lehnt sich zurück, zieht an ihrer Zigarette und bestellt einen Kaffee. Erzählt von ihrem Theaterstück The Blue Room, mit dem sie jetzt auf Tournee geht, von dem Loft, das sie in Berlin sucht, um von Hamburg in die Hauptstadt ziehen zu können, von dem Neuanfang in ihrem Leben. Das alles ist nicht mehr wichtig, es ist nur das Ende eines wirklich magischen Moments.