ALVERDE

 

Zum Film "Durch Himmel und Hölle" 

Vom Lernen,
Lieben und
Loslassen

Auf der langen Wegstrecke von den Dreharbeiten zur Premiere eines Filmes kann sich viel ereignen. Im Februar 2004 fiel die erste Klappe für den TV-Zweiteiler „Durch Himmel und Hölle“, den das ZDF am 2. und 4. April ausstrahlt. „Damals hat niemand geahnt, dass das Thema Auslandsadoption heute so eine Brisanz haben würde“, sagt Hauptdarstellerin Natalia Wörner. Sie spielt eine Frau spielt, die in Argentinien ein Kind adoptieren möchte. Anders als im Film hat sich die Kinderfrage in Natalia Wörners Leben inzwischen beantwortet. „Alles hat sich auf wunderbar einfache Weise gefügt“, sagt die 39-jährige Mutter eines knapp einjährigen Sohnes. 

alverde: Auslandsadoption wird heute heiß diskutiert - nicht zuletzt durch Prominente und Politiker, die Kinderaus dem Ausland adoptiert haben. Wie stehen Sie zu diesem Thema? 

Natalia Wörner: „Ich habe mich in derVorbereitung und während der Dreharbeiten sehr intensiv damit auseinandergesetzt und bin jetztmanchmal überrascht mitwelcherUnkenntnis über das Thema gesprochen und geurteilt wird. Mir ist vor allem klar geworden, dass Adoption kein einmaligerAkt derGnade oderGüte ist, sondern etwas, womit sich alle Beteiligten ein Leben lang beschäftigen müssen. Es gibt eine Studie aus Schweden, die auf eine ganz drastische Art belegt, wie viele Schwierigkeiten adoptierte Kinder und Jugendliche haben, die in den liebevollsten Familien aufgewachsen sind. Adoption berührt Ur- Fragen, die wir uns sowieso immer stellen: Wer bin ich,woher komme ich,was macht mich aus? 

alverde: Das klingt insgesamt doch sehr skeptisch ... 

Natalia Wörner: Ich war vor den Dreharbeiten nicht so skeptisch und bin heute sehr viel kritischer,weil einfach so viele Kriterien erfüllt sein müssen, damit eine Adoption gelingt. Was mich in der Diskussion stört, ist der angebliche Egoismus, der Frauen unterstellt wird, so nach dem Motto: „Ich kann kein Kind kriegen, dann kaufe ich mir halt ein schwarzes Baby.“ Überhaupt muss das Thema Auslandsadoption von dem Problem der Kinderlosigkeit abgekoppelt werden. Es adoptieren ja auch viele Menschen, die selbst Kinder haben oder sie auf natürlichem Wege bekommen könnten. Und ich finde es unglaublich mutig und toll, sich auf eine Adoption einzulassen. Man fordert dadurch das Schicksal ein wenig heraus, nicht wissend, was auf einen zukommen wird, beziehungsweise wie man dem entgegentritt. Und ich glaube, dass man damit auch wichtige Signale aussenden kann: Die Tatsache, dass Madonna ein schwarzes Kind adoptiert, bewirkt vielleicht mehr als wir uns im Moment vorstellen können – bei allem, was an dem Verfahren zu kritisieren ist. Gerade in England gibt es auch viele schwarze Kinder, die nicht an Weiße vermittelt werden, weil man weiß, diese Kinder werden später diskriminiert werden. 

alverde: Ihre Filmfigur spricht sehr oft vom Schicksal. Was bedeutet das Wort für Sie? 

Natalia Wörner: Das Wort hat für mich Tiefe und Gewicht. Ich denke sehrwohl, dass es schicksalhafte Begegnungen und Erfahrungen gibt – damit verbindet sich aber die eigene Wahl, wie man mit ihnen umgeht und was man aus ihnen lernt. 

alverde: Was haben Sie aus der Rolle der Rebecca gelernt? 

Natalia Wörner: Wenn man eine Rolle annimmt, ist das immer eine vielfältige und auch sehr instinktive Form, etwas an sich heranzulassen. Ich wollte in diesem Fall lernen,was es heißt, sich etwas sehr zu wünschen und es nicht zu bekommen. 

alverde: Rebecca verzichtet am Ende auf die Adoption, zum Wohle des Kindes und der leiblichen Mutter. 

Natalia Wörner: Das ist, glaube ich, mit die schönste Wendung in dem Film,weil sie ganz viel ausdrückt: Es erfordert zum einen moralische Größe einem kriminellen Milieu, in das man unfreiwillig geraten ist, glaubwürdig mit den eigenen Mitteln entgegenzutreten. Ich finde es beeindruckend, dass Rebecca die Missstände aufdeckt, aber es dann den Politikern und Journalisten vor Ort auch überlässt, wie sie damit umgehen. Sie tritt nicht als Jeanne d’Arc auf, die im Alleingang das Problem beseitigt. Zum anderen erfordert es sehr viel Mut und Kraft einen Wunsch aufzugeben, den man seit Jahren verfolgt. Obwohl sie kurz vor dem Ziel ist, das ersehnte Baby zu bekommen, sagt sie: Nein ich werde das Kind nicht nehmen – nicht unter Begleitumständen, die kapitalistisch, menschenverachtend und frauenfeindlich sind. 


"Ich wollte lernen, was es heißt,
sich etwas sehr zu wünschen und
es nicht zu bekommen."
 


alverde: Sie sind sehr reisefreudig. Welche drei Orte auf dieser Weltmöchten Sie Ihrem Sohn unbedingt zeigen? 

Natalia Wörner: Einen Ort auf Rügen. Nicht der Kreidefelsen, sondern eine Stelle, an der ich immerwieder stand und dachte: „Wenn ich mal ein Kind habe, möchte ich ihm das zeigen“ – das steht aber noch aus. Den von mir heiß geliebten Atlantik habe ich ihm schon zeigen können, als wir diesen Sommer in Frankreich waren. Erwar zwar erst wenige Monate alt, aber allein die Geräusche, die Wärme und die feuchte Luft hat er geliebt. Dann gibt es noch einen Ort in Thailand, der mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Und ich bin sicher, wenn ich länger darüber nachdenke, fallen mir unendlich viele Orte ein. 

alverde: In früheren Interviews haben Sie intensivüberdie Liebe nachgedacht. Jetztwurden Sie und IhrEhemann Robert Seelinger von Gala-Lesern zum „Couple of the year“gekürt. Bestätigt Sie eine solche Auszeichnung oderwiderstrebt sie Ihnen ein wenig - weil ja eigentlich nur der äußere Schein bewertet wird? 

Natalia Wörner: Der Preis für die Liebe ist die Liebe selbst, es gibt keine Fachjury für die Liebe. Die Auszeichnung „Couple of the year“ ist ein Preis, der einem quasi vom Publikum entgegen getragen wird, und das hat sicher auch mit Projektionen zu tun. Aber ich nehme das einfach dankend an und freue mich darüber, dass Menschen einen so sehen und vielleicht doch etwas wahrnehmen,was authentisch ist. Ich glaube schon, dass wir uns nicht ganz so ernst nehmen wie andere Paare in der Branche, wobei ich Vergleiche immer wenig hilfreich finde. Wir sind so wie wir sind und anscheinend finden die Leute das gut. 


"Ich engagiere mich lieber langfristig und
mit ganzer Kraft für eine Organisation, als
überall kurz vorbei zu schauen."
 


alverde: Ein Großteil der Dreharbeiten fand in Argentinien statt. Was hat Sie an dem Land überrascht? 

Natalia Wörner: Die Ruppigkeit und die Weichheit gleichermaßen. Ich habe Argentinien als ein sehr fragiles Land erlebt im inneren Empfinden und in der äußeren Form machismohaft, ruppig und streckenweise nicht zugänglich. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, das Land entfaltet sich vor einem – aber es ist nicht immer einfach, es zu berühren. 

alverde: Sie haben 2004 den Tsunami überlebt und daraufhin eine eigene Hilfsorganisation gegründet. Im nächsten Jahr wird sich der Verein „Tsunamihilfe Direkt“ auflösen, weil seine Aufgaben erfüllt sind. Wird Ihnen der Abschied von diesem Projekt schwer fallen? 

Natalia Wörner: Der Verein ist wie ein Kind, das man wachsen sieht: Wenn es dann laufen kann, soll man es auch loslassen. Ich bin stolz darauf,was wir in kurzerZeit und unter schwierigen Bedingungen gestemmt haben. Es war nie die Idee gewesen, eine permanente semiprofessionelle Einrichtung aufzubauen und mich bis zu meinem Lebensende mit dem Verein zu beschäftigen – mit dem Thema vielleicht schon. Die Mittel sind sinnvoll verteilt, ich kann sagen „mission accomplished“ und bin wieder offen für Neues. 

alverde: Das Neue ist für Sie die Kindernothilfe geworden.Warum? 

Natalia Wörner: Die Kindernothilfe ist auf mich zugekommen, weil sie beobachtet hat, was ich mache. Mich hat ihr Konzept, Kinder in ihrem eigenen Umfeld zu stärken, überzeugt. Wir sind sehr leichtfüßig und auch liebevoll zusammen gekommen – und werden wohl auch lange zusammen bleiben. Ich engagiere mich lieber langfristig und mit ganzer Kraft für eine Organisation, als überall kurz vorbei zu schauen. 


Kai Wiesinger und Natalia Worner spielen im ZDF-Zweiteiler "Durch Himmel und Hölle" ein Paar, das sich mit unfreiwilliger Kinderlosigkeit auseinandersetzen muss.