DER SPIEGEL

Kampf gegen die Kälte

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TV-Beauty Natalia Wörner, bekannt durch schillernde Rollen wie im Fernsehkrimi "Bella Block", verweigert sich der Routine - nun drängt sie's auf die Bühne.

NIKOLAUS VON FESTENBERG, SPIEGEL 03/2000

 

 

 

Das Schöne, meinte der Dichter Rilke, sei nichts als des Schrecklichen Anfang. Rainer Marias elegische Rede galt den Engeln.Die Schauspielerin Natalia Wörner ist, na klar, kein Engel und schon gar nicht schrecklich.

Aber wer ihr begegnet, der entdeckt hinter ihrer südländischen Schönheit schnell den Anfang zu einer ungeahnten Welt. Weniger poetisch: Die Frau sieht nicht nur klasse aus, sie ist - besonders Männer raffen's kaum - auch noch superintelligent.

In den letzten acht Jahren spielte sie in nicht wenigen, durchweg anspruchsvollen TV-Filmen mit, doch der Zuschauer muss sich ein wenig anstrengen, um sie im Bilderstrom zu fixieren. Das hat nichts mit Schwache zu tun, sondern mit wachem Verstand: Wörner, 32, hat die meisten Fallen des Fernsehbetriebs vermieden.

Die TV-Beauty scheint vor Kraft zu bersten. Sie fühlt sich wie "ein Porsche in der Fußgängerzone" - und will nun Gas geben: Vergangenen Samstag spielte sie im ZDF-Krimi "Bella Block" eine Sozialschlampe, die ihre schwachsinnige Schwester als Hure vermietet. Anfang April steht sie in fünf Frauenrollen in der deutschen Erstaufführung von David Hares "The Blue Room", einer modernen Adaption von Arthur Schnitzlers "Reigen", mit ihrem Lebenspartner Herbert Knaup auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele - in jenem Part, mit dem die Hollywood-Starfrau Nicole Kidman in London und New York Furore machte. Wörner spornt das an: "Fernsehen ist Hausaufgaben machen. Theater, das ist echtes Abenteuer".

Sie habe "die schläfrige, gefährliche Erotik eines Fauns", lobte die Berliner Produzentin Regina Ziegler den Jungstar einst werbetüchtig, doch Wörner trat nur einmal in deren Edelporno-Reihe "Die schönste Sache der Welt" auf: Sache, auch eine noch so begehrenswerte, zu sein war ihre Sache.
Auf Dauer nicht, besonders als sie hinterher in der Presse zu lesen bekam: "Natalia ist fasziniert vom Sex vor der Kamera". Der Faun reagierte nicht schläfrig, sondern panisch: "Hilfe, ich wechsle das Fach!"
Ein Jahr später, 1996, folgte "Kinder der Nacht", eine eindrucksvolle Bruder-Schwester-Inzest-Geschichte, von Nina Grosse voller Zwischentöne inszeniert. Die TV-Branche reagierte, wie sie es am liebsten tut: Sie bot Wörner ähnliche Stoffe an. Die Schauspielerin desertierte: "Ich wollte mich weiterentwickeln".

So gleicht ihre Karriere einem Zickzack, einer Flucht vor Festlegungen: Serienfiguren vermied sie ganz. Mal kam sie den Zuschauern komisch - als schwäbelnde und liebesgeile Tochter eines Fußball-Präsidenten ("Zum Sterben schön") -, dann wieder tragisch - als psychisch gestörtes Opfer einer Sekte ("Tatort: Perfect Mind"). In Jo Baiers Strittmatter-Verfilmung "Der Laden" gab sie die verhärmte und verschmähte Ehefrau des Jungdichters", Frauen lügen besser" zeigte sie als frustrierte Lektorin, die sich in eine sexy Hexy verwandelt.
So konnte sich Wörner ausprobieren, so konnte sie tun, was sie schon als Elevin an der legendären New Yorker Strasberg-Schauspielschule lernte: Körper und Geist öffnen, sich transparent machen für die unterschiedlichen Rollen. Nur, was nützt das in einer TV-Welt, die auf legosteinharte Labels festgelegt ist, die Charakter mit unabänderlichen Markenzeichen gleichsetzt?

Wörner durchschaut den Zwiespalt zwischen künstlerischem Ego und den Anforderungen des Apparats. Ihre meergrünen Augen, die so melancholisch erscheinen, sind Wahrnehmungsorgane einer messerscharfen Beobachterin. Mit Wörner über Wörner zu sprechen ist ebenso spannend wie über die Gesetze des Mediums: Die Frau kennt sich aus.

En passant verrät sie die Unterschiede zwischen guten und schlechten Kollegen: Die schlechten Kollegen spielen sie nicht an, wenn sie allein vor der Kamera steht, lassen sich im Off von Regieassistenten vertreten oder entfernen sich übermäßig weit weg, was den Blick des im Bild befindlichen Darstellers verglast.

Gute Regisseure halten Kontakt zu den Akteuren auf der Szene, schlechte verkriechen sich und starren auf Monitorbilder, die die Perspektive der Kamera zeigen. Die Trennlinie zwischen guten Drehbüchern und weniger guten definiert sie mühelos: Die guten sind "character driven", die schlechten nur auf Plotpoints aus. Zu Deutsch: Die einen interessieren sich für innere Entwicklungslinien, die anderen hangeln sich von einer dramatischen Situation zur nächsten.

"Was mir bei vielen Produktionen der privaten Sender auffällt, ist einfach das Hochspekulative an den Geschichten. Deshalb wirken die Sachen so künstlerisch kalt. Da erzählen Bilder Bildern irgendetwas, aber man kommt nie an die Figuren heran". Sie hasst es, wenn Drehbücher nur noch als "platte Worthilfen" für das dienen, was man ohnehin sieht. Fernsehen, weiß sie, muss subtiler werden. "Das Gros der Drehbücher kommt lauwarm aus dem Drucker und wird gleich verfilmt".
Wörner will sich solcher Idiotie entziehen. Für die neueste "Bella Block" - Folge hat sie zusammen mit Regisseurin Sherry Hormann an den Rollenprofilen gefeilt. Die kupplerische Sozialschlampe Christa bekam neue Seiten: Sie erscheint nicht bloß geldgierig, sie handelt auch in einer Art Fürsorge. Die Drehbuch-Mitautorin Wörner doziert: "Man kann Figuren nicht einfach unser Unrechtsbewusstsein überstülpen". Mit dem Schreiben soll es weitergehen. Schönheit, Rilke passt, ist bei ihr wirklich nur ein Anfang.