Hörzu    

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Portrait

Mittelmaß ist ihre Sache nicht, Wiederholung langweilt sie. Mit jeder Rolle sucht Natalia Wörner eine neue Herausforderung - und besteht sie meist mit Bravour

Uwe Rasche

Man muss nicht Filmwissenschaft studiert haben, um mit Natalia Wörner ein Interview zu führen - aber schaden kann's nicht. Auf jeden Fall sollte man ausgeschlafen sein und gut zuhören können. Und dann braucht es noch eine Portion Durchsetzungsvermögen, um in ihrem Diskurs von bisweilen akademischer Ausführlichkeit gelegentlich eine Zwischenfrage unterzubringen.

Sich vorwagen, hohes Niveau ansteuern und dabei stets die Kontrolle behalten - so hat Natalia Wörner Karriere gemacht, ohne großen Durchbruch, ohne tiefen Absturz. Stattdessen die kontinuierliche Suche nach Qualität. Das konsequente Nein zu Angeboten, die Stillstand oder Wiederholung bedeuten. Um am Ende immer wieder jene Rolle zu finden, die Herausforderung genug ist. Nach der sie sagen kann: Ich bin einen Schritt weiter. Vielleicht sogar: Das war meine bisher beste Arbeit.

So war es zum Beispiel bei "Bad Moon", einem Inzest-Drama, in dem Natalia Wörner wenige Blicke brauchte, um die ganze Zerrissenheit zwischen Liebe zum Ehemann und Leidenschaft für den Bruder zu zeigen. Oder beim "Tatort: Perfect Mind", wo sie Körper- und Seelenpein eines Sektenopfers auf den Bildschirm brachte, dass es schmerzte.

Ein solcher Höhepunkt ist auch ihre jüngste Arbeit. In der "Bella Block - Blinde Liebe" spielt Natalia Wörner eine Frau, die sich rührend um ihre geistig zurückgebliebene Schwester kümmert - und sie gleichzeitig an Männer verkauft. Unglaublich. Und dennoch glaubwürdig. Denn es gelingt Natalia Wörner, diesen Widerspruch begreifbar zu machen. Eine Frau zu zeigen, die durchaus lieben kann, ihrem brutalen Freund aber schon so lange hörig ist, dass sie Liebe nur als Abhängigkeit kennt. "Die Figur ist mir fremder als alles, was ich je gespielt habe", sagt die Schauspielerin",aber sie ist in sich stimmig."

Um diese Stimmigkeit herzustellen, feilt sie an einer Rolle bis zur letzten Minute. So wurde ihr kurz vor Drehbeginn klar, dass der Figur noch etwas Entscheidendes fehlte: ein Sprachfehler. "Ich wusste plötzlich, dass die Frau in ihrer Gestörtheit unmöglich jemand sein kann, der normal kommuniziert. Die muss stottern!" Zeit zum Üben blieb nicht, also stotterte Natalia aus dem Stand. Als ahnungslose Kollegen sie nach den ersten Szenen fragten, ob sie nervös sei, warum ihr die Luft wegbleibe, da war das für sie "wie ein schönes Kompliment".

Wie uneitel das ehemalige Model sein kann, wenn es der Rolle dient, hat sie zu Beginn des Jahres in der Komödie "Frauen lügen besser" bewiesen. Ihre großen, hellgrünen Augen hinter einer Hornbrille versteckt, die Wespentaille unterm Schlabberpulli verborgen, spielt sie eine verhärmte Lektorin, die es am Ende allen zeigt. Einen "Höllenspaß" habe es gemacht, diesen "weiblichen Woody Allen" zu spielen. Und es war Methode. Gerade weil sie "von Haus aus für das Dramatische geschaffen" ist, setzt sie der Darstellung extremer Charaktere immer wieder leichte Stoffe wie "Irren ist männlich" oder "Zum Sterben schön" entgegen. Seitensprünge, die es dem Publikum und der Branche schwer machen, ihr ein Image zu zimmern.

Je älter sie werde, desto weniger sei sie bereit",Zeit zu verplempern", sagt sie, gerade mal 32 Jahre alt. Auf gute Rollen einfach nur warten, dafür ist sie zu ungeduldig. Zusammen mit der Regisseurin Sherry Hormann hat sie die Arbeit an einem Drehbuch aufgenommen. Hauptdarstellerin: Natalia Wörner.

Kein Zufall auch, dass sie demnächst auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele steht. Lange bevor Intendant Ulrich Waller "The Blue Room", eine moderne Adaption von Schnitzlers "Reigen", auf den Spielplan setzte, hatte sich Natalia Wörner die weibliche Hauptrolle bei ihm reservieren lassen. Ihr Partner in dem Zwei-Personen-Stück ist Herbert Knaup, seit sieben Jahren ihr Lebensgefährte.

Gedreht haben die beiden schon oft miteinander, Theater gespielt noch nie. In "The Blue Room" treffen sie in fünf verschiedenen Rollen aufeinander, und immer endet es mit Sex. Ist es leichter, ein so intimes Stück mit dem eigenen Partner zu spielen? "Es geht eher darum, eine bestimmte Intimität auszublenden für den Moment und miteinander umzugehen, als hatte man es mit einem Fremden zu tun. Das ist das Spannende an der Konstellation und gleichzeitig das Schwierige."

Die Proben haben begonnen, und Natalia Wörner wirkt wie elektrisiert. Kein Zweifel, dass sie auch auf der Bühne etwas Besonderes abliefern wird. Um dann weiterzusuchen. "Zufriedenheit", sagt sie",das ist ein Wort, von dem ich nicht einmal weiß, wie man es buchstabiert".